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4 Betrachtung der Vor- und Nachteile der Währungsunion
Im folgenden möchte ich die Vor- und Nachteile der Währungsunion betrachten. Hierbei werde ich zuerst die gesamten möglichen positiven Auswirkungen erläutern, bevor ich auf die negativen Möglichkeiten eingehe. Die Aufteilung in zwei Blöcke erscheint mir aufgrund des Überblicks und der Verständlichkeit vorteilhafter als ein ständiges Wechseln zwischen den Standpunkten. 4.1 Vorteile der Währungsunion 4.1.1 Vermeidung von Währungsschwankungen Ein vorhandenes Wechselkursrisiko stellt Kosten da, die im Preis internationaler Güter enthalten sein müssen. Diese Kosten bestehen hauptsächlich in den diversen Wechselkursgeschäften, die naturgemäß die Preise der Güter verteuern. Aus diesem Grund ist die Nachgefrage geringer, was wiederum eine sinkende Produktion nach sich zieht, so daß weniger Arbeiter für diese benötigt werden. Mit einer Einheitswährung entfallen die Wechselkursunsicherheiten für einen Export innerhalb der EU. Dieses schafft eine erheblich größere Sicherheit im Handel der Länder, da alle EU-Mitgliedsstaaten über die Hälfte ihres Außenhandels, mit der Ausnahme von Griechenland, mit anderen EU-Länder führen (Siehe Schaubild 4). Schaubild 4 Europas Handelsverbindungen So viele Prozent der gesamten Exporte gingen im Jahr 1996 in EU-Partnerländer
Da das Wechselkursrisiko entfällt, sinken die Kosten der Waren und damit deren Preise. Aus diesem Grund steigt die Nachfrage, was wiederum eine höhere Produktion erfordert, so daß, zumindest bei einer deutlichen Produktionssteigerung, ein Ansteigen der Beschäftigung zu erhoffen ist. Ein weiterer Vorteil, der bei der Vermeidung von Währungsschwankungen entsteht, ist eine größere Sicherheit bei der Berechnung von Arbeitskosten. Diese werden üblicherweise in der jeweiligen nationalen Währung ausgezahlt, während die Erlöse der produzierten Waren bei Exportgeschäften in der Währung des Importlandes eingehen. Durch Währungsschwankungen können die Erlöse somit unsicher werden. Eine Währungsunion behebt dieses Problem, da sowohl der Lohn wie auch der Erlös in der gleichen Währung berechnet werden können. Für die Weichwährungsländer, wie Spanien und Portugal, mit hoher Inflationsrate wird die Risikoprämie auf dem Zinssatz wahrscheinlich entfallen, wenn sie ihre Währung mit dem Euro tauschen können. Dieses ermöglicht ihnen bessere Finanzierungsbedingungen und bessere Wachstumschancen als zur Zeit. Da der Euro-Zins vermutlich zum Beginn der WWU über den DM-Zins liegen wird, da der Euro-Zinssatz als Durchschnittswert der europäischen Zinssätze berechnet wird, ergibt sich dagegen ein Nachteil für die Länder mit geringer Inflationsrate, wie Deutschland. Allerdings ist hier zu berücksichtigen, daß die Inflation in allen Teilnehmerländern äußerst niedrig ist (siehe Schaubild 6), so daß der Nachteil nur gering ausfällt. Zusammenfassend kann man bei diesem Punkt feststellen, daß die erhöhte monetäre Sicherheit den Unternehmen eine zuverlässigere Investitionsplanung ermöglicht, so daß man hoffen kann, daß dieses ein erhöhtes Investitionsvolumen und somit Produktionsausweitungen innerhalb der EU bewirken kann, was wiederum mehr Beschäftigung und Wachstum mit sich bringt (Stocker, 1997, S. 66-68). 4.1.2 Ersparnis an Transaktionskosten Zu den Transferkosten werden Informations-, Umwechslungs- und Kurssicherungskosten gerechnet. In der Studie "One Market - One Money" von der EU-Kommission wurden die Ersparnisse, die durch den Wegfall dieser Kosten bei einer gemeinsamen Währung entstehen, auf 0,5% des BIP geschätzt. Allerdings ist diese Vorhersage im Verhältnis zu anderen unabhängigen Prognosen sehr optimistisch. Der realistische Wert wird nach Stocker eher bei 0,1% des BIP liegen (Stocker, 1997, S. 68). Die Ersparnisse bei den Transaktionskosten geben auch den Privatverbrauchern einen direkten Vorteil, da die Umtauschgebühren bei Reisen innerhalb der WWU-Länder entfallen. Dieses wurde von der EU-Kommision in einer Studie anschaulich errechnet, indem man annahm, daß ein Belgier mit 40.000 BFR eine Reise durch 10 europäische Länder antreten würde und dabei sein jeweiliges Vermögen in die nationalen Währungen umtauschen würde. Am Ende der theoretischen Reise hatte der Belgier nur noch 21.300 BFR in seinen Besitz. Den Rest seines Vermögens, etwa die Hälfte, war den Transaktionskosten zum Opfer gefallen (Becker, Günther & Jörger, 1996, S. 175). Dieses ist ein sehr naheliegender Vorteil für eine große Anzahl von Bürgern, man denke nur an den täglichen privaten Grenzhandel und die Ersparnisse bei Urlaubsreisen, so daß dieser Grund bei Argumentation von WWU-Befürwortern immer angeführt wird, um Skeptiker zu überzeugen. 4.1.3 Internationaler Bedeutungsgewinn einer einheitlichen Währung Ein Bedeutungsgewinn des Euro im Verhältnis zu nationalen Währungen wie dem US-Dollar oder dem japanischen Yen ist möglich. Ein erfolgreicher Euro könnte aus diesem Grund die Standortbedingungen der EU steigern und dem US-Dollar die Weltführerschaft als Reservewährung streitig machen. Eine zunehmende Verlagerung in den Euro, würde die Euro-Zinsen senken, und so das Wirtschaftswachstum fördern (Stocker, 1997, S. 68-69). Begründet ist dieses insbesondere in der Hoffnung, daß Verträge von EU-Unternehmen mit Drittstaaten dann überwiegend in Euro und nicht Dollar vereinbart würden. Zur Zeit werden z.B. Erdöl-Verträge fast ausschließlich in Dollar abgewickelt, mit dem Resultat, daß die EU-Wirtschaft direkt von Dollar-Schwankungen betroffen ist (Becker, Günther & Jörger, 1996, S. 159). Deshalb kann die USA zur Zeit Schulden machen und diese mit Hilfe der eigenen Währung abwerten, ohne selbst die gleichen Konsequenzen wie andere Länder zu spüren, da über 50 Prozent der internationalen Geschäfte in Dollar abgerechnet werden (Brunowsky, 1998, S: 19-20). So konnte die USA für ihre Kriege und ihre Hochrüstungsprogramme Schulden in der Welt machen, um sich durch die angesprochenen Dollar-Manipulationen darauf teilweise selbst zu entschulden. Der Grund hierfür ist, daß insbesondere Weichwährungsländer in Südamerika und Osteuropa "in den Dollar flüchten", um sich vor Inflationen zu schützen. Ein erfolgreicher Euro könnte nach Expertenschätzungen dafür sorgen, daß 40 Prozent des internationalen Zahlungsverkehrs jeweils in Euro und Dollar durchgeführt würden (Spiegel 9/98, S. 24). Die Amerikaner haben mittlerweile die Gefahr erkannt. So stellte z.B. der ehemalige amerikanische Außenminister Henry Kissinger fest, daß "... der Euro die politischen Kräfteverhältnisse verschieben wird" (Brunowsky, 1998, S 20). Festzustellen ist, daß die EU was Größe der Bevölkerung, BIP und Anteil am Weltexport angeht, die USA teilweise bereits überholt hat (siehe Schaubild 5). Wobei zu beachten ist, daß die EU in Zukunft, im Gegenteil zur USA, weiter wachsen wird, da die EU nach Osten erweitert werden soll. Die Bedeutung des Euro wird allerdings hauptsächlich von der Geldwertstabilität und nicht von der Größe des "Landes" abhängen, so daß die internationalen Finanzmärkte Vertrauen in die Währung gewinnen. Die politische Bedeutung der EU kann durch den Euro also steigen, ob dieses allerdings genug ist, die Kräfteverhältnisse zu verschieben, möchte ich persönlich bezweifeln. Hierfür wird vielmehr eine gemeinsame koordinierte Außenpolitik nötig sein. Der Euro kann hierfür lediglich eine Vorarbeit leisten. Schaubild 5 Ein Vergleich (USA / EU - Länder)
4.1.4 Vermeidung von Problemen, die durch Währungsabwertungen und divergierender Geldpolitik erzeugt werden Bei einer einheitlichen Währung entfallen Probleme, die durch eine unabgestimmte Geldpolitik der verschiedenen EU-Länder entstehen können. Ein gutes Beispiel hierfür ist die EWS-Krise im Zeitraum von 1992/93. Aufgrund einer Reihe von Währungsturbulenzen, die durch nationale Geldpolitik und mangelnde Anpassung der Wechselkurse, wie der Lira, sowie unübersichtlichen Ereignissen, wie der deutschen Wiedervereinigung und der Ablehnung des Maastrichter-Vertrages durch die dänische Bevölkerung bei einer Volksabstimmung, entstanden, hatten die Märkte verstärkt D-Mark, also eine sichere Währung, gekauft. Dieses bewirkte, daß die 2,25 Prozent Bandbreite des EWS auch mit Hilfe von Stützungskäufen nicht mehr zu halten war, so daß die Bandbreite auf 15 Prozent erhöht werden mußte. Mehrere Wissenschaftler befürchten, daß bei einer Aussetzung der Einführung des Euro, sich dieses Szenario wiederholen könnte und plädieren aus diesem Grund wehement für eine Einführung einer einheitlichen Währung (Stocker, 1997, S.113-115). Durch eine Währungsunion ist auch die Gefahr von "kompetiven" Abwertungen innerhalb des Währungssystems gebannt. Negatives Beispiel hierfür ist die protektionistische "Beggar-my-neighbour-policy" in der Zeit zwischen den zwei Weltkriegen, in der versucht wurde, durch Abwertung der eigenen Währung den Export anzukurbeln, da die eigenen Waren im Ausland so günstiger wurden. Ziel war es, durch die gestiegene gesamtwirtschaftliche Nachfrage die Arbeitslosigkeit im eigenen Staat zu bekämpfen. Dieses führte zu einem Abwertungswettlauf der Nationen, da alle diesen Plan verfolgten, und resultierte in einem fallenden Welthandelsvolumen. Dieses bewirkte wiederum einen Anstieg der Arbeitslosigkeit. 4.1.5 Druck bzw. Zwang zur fiskalischen Konsolidierung Aufgrund der Konvergenzkriterien, die für die Teilnahme der WWU erreicht werden mußten, ist das Budgetdefizit und die Inflation in der Europäischen Union deutlich gesunken. Der Zwang den Haushalt geldpolitisch verantwortlicher zu gestalten, der auch nach Eintritt in die WWU weiter besteht, hat also eindeutig für eine Verbesserung auf den angesprochenen Gebieten geführt, wie man an Schaubild 6 sehen kann. Schaubild 6 Infaltionsraten der EU - Mitgliedsländer
4.1.6 Erhöhte Preistransparenz Zur Zeit sind die Preise im EU-Gebiet aufgrund der unterschiedlichen Währungen und den damit in Verbindung stehenden Wechselkursschwankungen schwer vergleichbar. Außerdem hat der Verbraucher den Nachteil, daß er bei "Grenzeinkäufen" zwar in der Regel mit seiner eigenen heimatlichen Währung bezahlen kann, dabei aber oft ungünstige Umrechnungskurse in Kauf nehmen muß, da die meisten Geschäfte die Auszeichnung der Wahren nicht jeden Tag korrigieren und aus diesem Grund für sich günstigere Kurse benutzen, um keine Verluste hinnehmen zu müssen. Diese Probleme entfallen bei einer Währungsunion. Somit entsteht eine erhöhte Preistransparenz, die einen erhöhten Wettbewerb mit sich bringt, was mit großer Wahrscheinlichkeit mittelfristig sinkende Preise bedeuten wird und somit von Vorteil für den Verbraucher ist. 4.1.7 Die WWU stärkt die europäische Integration Wie bereits erwähnt, handelt es sich bei der Errichtung der europäischen Währungsunion in erster Linie um ein politisches Ziel. Zur Zeit fehlt der EU allerdings ein greifbares Symbol. So ist die Unionbürgerschaft, wie die meisten Errungenschaften der europäischen Einigung, ein eher abstrakter Tatbestand, den der durchschnittliche Bürger kaum wahrnimmt. Die Einführung des Euro hätte hingegen ohne Zweifel eine einigende Wirkung, da jeder EU-Bürger täglich mit diesem in Kontakt kommt. Die symbolische Bedeutung, daß die Bürger von Finnland bis Spanien die gleiche Währung benutzen, ist deshalb keineswegs zu unterschätzen, und könnte auf längere Sicht das Gefühl der Bürger stärken, sich als Europäer zu fühlen, und so die Identitätsbildung der Bevölkerung verändern. Festzustellen ist allerdings, daß sich die Vorfreude der Europäer auf die Währungsunion in Grenzen hält. So lehnen die Bevölkerungen Deutschlands, Finnlands und Österreichs mehrheitlich die Einführung des Euro ab, obwohl diese Länder zu den 11 WWU-Teilnehmern zählen. Hierbei ist allerdings festzustellen, daß in Deutschland die Euro-Skepsis in den Umfragen der letzten Monate deutlich abgenommen hat. Die größten Befürworter der WWU kommen aus Italien, wo etwa vierfünftel der Bürger dem Euro mit positiven Erwartungen entgegensehen (siehe Schaubild 7). Die Mehrheit der europäischen Topmanager hingegen ist eindeutig für die Währungsunion. So befürworten etwa 90 Prozent der europäischen Führungskräfte die WWU. Bei den deutschen Managern liegt die Zustimmungsrate sogar bei noch deutlicheren 92 Prozent. Begründet wird diese Zustimmung mit der Erwartung, daß sich die Einführung einer WWU vorteilhaft auf das eigene Unternehmen auswirken wird (Wochenschau 2/98, S. 59). Schaubild 7 Befürworter und Gegner einer einheitlichen Währung in den WWU-Teilnehmerländern
4.1.8 Eine längerfristige Verschiebung der WWU hätte negative Folgen für Deutschland Von mehreren Seiten wurde in der Zeit vor der Feststellung der Teilnehmerländer der WWU eine Verschiebung der Währungsunion gefordert. Auch heute fordern noch Parteien wie die PDS oder die Initiative Pro D-Mark eine Verschiebung bzw. eine vollkommene Abkehr von einer gemeinsamen Währung. Festzuhalten ist, daß die Mehrheit der Experten der deutschen Wirtschaft befürchten, daß eine Verschiebung einem Scheitern der WWU gleichkäme, was insbesondere für Deutschland negative Konsequenzen hätte, da die D-Mark als europäische Leitwährung aufgewertet würde, was von großem Nachteil für die Wettbewerbssituation der deutschen Export-Wirtschaft wäre (Becker, Günther & Jörger, 1996, S. 163-164). Längerfristig könnten die Folgen für Europa noch wesentlich schlimmer sein. " Es drohen Abwertungswettläufe, Handelskriege, Protektionismus, Renationalisierung der Wirtschaftspolitik, Deflation, vielleicht sogar Depression. Das wäre, um es kurz und bündig zu sagen, ein Rückfall in die Dreißiger Jahre, also um sechs Jahrzehnte zurück" (S. 27), wie der deutsche Bundespräsident Roman Herzog 1995 in einer Rede vor dem Europäischen Parlament in Straßburg feststellte. Diese Beschreibung der Geschehnisse nach einer Verschiebung der WWU ist mit Sicherheit das am schlimmsten vorstellbare Szenario. Mit sehr großer Wahrscheinlichkeit könnte man allerdings voraussagen, daß die europäische Zusammenarbeit und der Ausbau der EU für längere Zeit still stehen würde. Aus diesem Grund sind naturgemäß insbesondere Gegner der EU an einem Scheitern der Währungsunion interessiert. |
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